„Barnim für alle!“- Rückblick auf das Jahr 2020

Neuigkeiten von der Spendenkampagne „Keine Abschiebungen aus dem Barnim!“ – Dezember 2020

2020 war für das „Barnim für alle“-Netzwerk ein sehr aktionsreiches Jahr, trotz Corona – oder auch gerade weil die Pandemie einige Probleme noch offensichtlicher macht. Wir sind mehr und vielfältiger geworden, und so gab es von März bis Dezember jeden Monat mindestens eine politische Aktion, die aus unserem Netz (mit)organisiert wurde. Vor allem mit dem Bürger*innen-Asyl konnten wir 2020 mindestens 23 Menschen helfen, ihre Abschiebung zu verhindern. In diesem Newsletter berichten wir:

• 2020 – jeden Monat eine Aktion!
• Wir trauern: Omar ist bei uns
• Entwicklungen, die Sorgen machen
• Mit uns vernetzte Gruppen
• Was aus unterstützten Menschen geworden ist
• Was wir mit euren Spenden gemacht haben

2020 – ein Jahr voller Aktionen!

März:
Eine Kundgebung der AfD in Bernau war Anlass, bei der Gegenkundgebung zu Spenden aufzurufen – je mehr AfDler*innen, desto mehr sollte gespendet werden, für Women in Exile, ProAsyl und Barnimer Bürger*innen-Asyl.

Gegen Ablehnungen durch das BAMF und damit drohende Abschiebungen in den Sudan richtete sich eine Kundgebung am 9.3. in Berlin.

April:
Wir waren am Verfassen der Presseerklärung: „Sammelunterkünfte auflösen – Umverteilung jetzt, bevor es zu spät ist!“ beteiligt. Aufgrund der Enge und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten in den Heimen warnten wir vor Corona-Ausbrüchen in den Einrichtungen.

Im April organisierte Welcome United Brandenburg mit vielen Aktiven aus dem Barnim diverse Aktionen gegen die Einstellung der Buslinie zur Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain, ganz im Süden von Brandenburg. Neben Shuttle-Aktionen zum Supermarkt gelang es uns, eine der ersten lockdown-gerechten Demos durchzuführen – mit Begrenzung auf 20 Personen, nur aus Elbe-Elster und Barnim. In dem Erstaufnahmelager leben etwa 500 Menschen, 4 km vom Ort entfernt, ohne Bus abgeschnitten von jeder Infrastruktur. Unsere Forderung: Alle Lager schließen! Wohnungen für alle!

Mai:
Zum Tag der Befreiung am 8.5. waren wir in Biesenthal und Bernau aktiv.

Juni:
Mit einem breiten Bündnis antirassistischer Gruppen, vor allem selbstorganisierter Geflüchteter, organisierten wir die Fahrrad-Sternfahrt und Kundgebungen „Alle Lager Schließen – an den Außengrenzen wie in Brandenburg“ in Potsdam.

Als eine Quarantäne 20 Bewohner*innen des Heims für Geflüchtete in Bernau-Waldfrieden traf, veranstalteten wir ein Konzert vor dem Heim mit dem Motto: „Wohnungen statt Heime!“


Bei der Menschenkette von „unteilbar!“ mit bis zu 20.000 Menschen wurden mehrere Redebeiträge von geflüchteten Aktivist*innen von Barnim für alle gehalten.

Juli:
Die Bewegung in den USA, der Rassismus im Alltag und bei der Polizei in Deutschland und im Barnim waren Themen der „Black Lives Matter“ Demo in Eberswalde am 11.7.2020.

Das Sommercamp des Welcome United Netzwerks Berlin-Brandenburg fand im Barnim statt – mit Workshops, Debatten und Kulturprogramm, mit 80 geflüchteten und hiergebliebenen Aktiven. Auch mit Corona-Präventions­maßnahmen ein sehr inspirierendes Ereignis.


August:
Gleich zwei Aktive von „Barnim für alle“ waren mit Strafanzeigen wegen „illegaler Einreise“ konfrontiert. Wir sagten „Kein Mensch ist illegal“ und „Flucht ist kein Verbrechen“ mit Kundgebungen bei den Gerichtsprozessen – am 29.06. in Strausberg
und am 11.08. in Bernau

September:
Im Rahmen der bundesweit stattfindenden Antirassistischen Aktionstage luden wir am 3.9. zu „We Stay United“, einer Kundgebung mit 5 Barnimer Livebands, Artistik und Reden, nahe der Ausländerbehörde in Eberswalde. Am 5.9. wiederum eine Demo in Doberlug-Kirchhain: „Alle Lager schließen!“

Anfang September überschlugen sich Ereignisse: Das Lager Moria auf Lesbos brannte, Omars Leiche wurde an der italienischen Küste angespült (s.u.), aus dem Barnim wurden Menschen nach Pakistan abgeschoben und in Bernau gab es einen rassistischen Angriff mit Baseballschläger. Aus diesen Anlässen organisierten wir am 10.9. eine Kundgebung in Bernau.

Außerdem waren wir an der Demo am 9.9. in Berlin beteiligt:

Oktober:
Im Rahmen der „Human Library“, der „menschlichen Bibliothek“, konnten Barnimer*innen im Amonpark in Eberswalde Menschen mit Fluchterfahrung Fragen zu ihrer persönlichen Geschichte stellen – quasi in den persönlichen Geschichten „blättern, wie in einem Buch“.

November:
Nach einem rassistischen Angriff in Biesenthal rief „Barnim für alle“ zusammen mit dem Bürgermeister, der Grundschule, und über 30 weiteren lokalen Organisationen zum „Solidarischen Spaziergang gegen Rassismus“ auf. 300 Menschen beteiligten sich an der Aktion in dem 6000-Einwohner*innen-Städtchen.


Dezember:
Am 06.12.2020 jährte sich die Ermordung von Amadeu Antonio durch einen Nazimob in Eberswalde zum 30. Mal. Zum Gedenken waren 300 Menschen am Gedenkstein nahe der „Eisenspalterei“ in Eberswalde.

Zum Jahresabschluss gab es noch einmal eine Kundgebung in Bernau am 12.12.: „No one is an island“

Wir trauern: Omar ist bei uns
Omar Ali Osman, der kleine Bruder eines Aktivisten und Freundes aus unserem Netzwerk, ist tot. Er ertrank am 30.August 2020 vor der italienischen Küste beim Versuch nach Europa zu gelangen bei einem Bootsunglück in Sichtweite des Strandes. Er war 15 Jahre alt und floh vor dem Terror in Somalia. Omar wurde Opfer der Festung Europa. Tragisch zeigte sich, wie dringend unsere Forderung nach sicheren Fluchtwegen und offenen Grenzen ist.
An der Beerdigung in Milano nahm die Familie in Mogadischu per Video teil. Auch sein Bruder im Barnim – mit einer Ausbildungsduldung ist das Verlassen Deutschlands verboten und eine Ausnahme wollte die Ausländerbehörde nicht machen.
Wir trauern mit den Angehörigen.

(Wir haben die Flugkosten von Schwester und Schwager aus Dänemark zur Beerdigung übernommen. Auch dafür nehmen wir gern noch Spenden entgegen.)

Entwicklungen, die Sorgen machen
Eines unserer zentralen Themen sind weiterhin Abschiebungen aus dem Landkreis: Von Januar bis September wurden nach Angaben der Landkreisverwaltung 6 Menschen aus dem Barnim abgeschoben. Angesichts des Corona-bedingten Abschiebestopps, der von März bis Juni andauerte, eine hohe Zahl. Seit dem Herbst sind Reisen wieder sehr erschwert und die Lebensbedingungen in Griechenland, Italien und Spanien, und noch mehr in vielen Herkunftsländern, noch wesentlich schlechter geworden als in den Jahren zuvor, gerade was Unterbringung und Gesundheit angeht. Trotzdem gibt es keinen Abschiebestopp.
Wie uns zu Ohren gekommen ist, gab es erst vor einigen Wochen eine Dublin-Abschiebung aus dem Barnim nach Griechenland – statt die Menschen aus den schrecklichen Bedingungen in Griechenland aufzunehmen, organisiert die Ausländerbehörde sogar wieder Abschiebungen!

Das Land Brandenburg versucht seit letztem Jahr, alle Dublin-Abschiebungen direkt aus den Erstaufnahme-Lagern zu machen. Das Erstaufnahmelager Doberlug-Kirchhain im Süden Brandenburgs ist darauf spezialisiert: von den über 500 Bewohner*innen sind so gut wie alle abschiebebedroht, an jedem Werktag finden nachts Abschiebungen statt. Menschen aus dem Lager schreiben: „Wir sind vor Krieg und Angst geflohen. Hier wollen wir Sicherheit und Frieden. Aber nun sind wir in einem Heim voller Angst. Wir fühlen uns eingesperrt wie in einem Gefängnis, wir sind weit weg von anderen Menschen, vom Leben. Wir haben doch nichts Falsches oder Kriminelles gemacht. Und trotzdem kommt so viel Polizei wegen uns.“ Durch die zentrale Unterbringung der meisten Dublin-Abschiebe-Gefährdeten in einem extrem abgelegenen Lager wird es immer schwerer, Abschiebungen zu verhindern. Unsere Strategie, unsere Kämpfe auf Landkreisebene zu fokussieren, kommt hier an Grenzen – wenn die Abschiebungen stattfinden, bevor Menschen überhaupt in den Barnim umverteilt werden. Deshalb unterstützen wir auch Menschen, die nicht im Barnim wohnen, z.B. aus der Erstaufnahme.

Rassismus ist im Barnim wie überall leider allgegenwärtig, Tendenz steigend – wie neben den schon erwähnten Übergriffen u.a. die Chronik 2019 von SOS Rassismus Barnim zeigt.
Immerhin gab es in diesem Jahr etwas mehr mediale Aufmerksamkeit – für diejenigen, die jeden Tag ausgegrenzt, beleidigt, schlechter behandelt oder angegriffen werden, braucht es aber dringend mehr als nur ein paar Berichte!

Vor bald drei Jahren haben wir mit einem offenen Brief und einer Demo vor dem Grundsicherungsamt in Eberswalde dafür demonstriert, dass Menschen die ihnen zustehenden Leistungen erhalten. Leider bekommen immer noch diverse Menschen nicht die Leistungen nach §2 AsylbLG, die sie nach 18 Monaten in Deutschland bekommen sollten.

Mit uns vernetzte Gruppen

„Barnim für alle“-Gruppe

Seit 2019 gibt es als Teil unseres Netzwerkes eine Gruppe, die großteils aus geflüchteten Aktiven besteht, sich autonom organisiert und den Namen „Barnim für alle“ als Gruppennamen verwendet. Die Gruppe hat sich 2020 an vielen Aktionen beteiligt und sich in Workshops gegenseitig fortgebildet – z.B. im Reden halten bei Veranstaltungen (zum Anwenden gab es viele Möglichkeiten) oder Empowerment im Umgang mit Ämtern. Die Aktiven der Gruppe arbeiten zu Themen, die gesellschaftliche Probleme und zugleich oft auch die persönlichen Probleme sind: Kampf um Aufenthalt und gegen Abschiebungen, Alltagsrassismus, u.a. Die Gruppe hat ein sehr sehenswertes einminütiges Video erstellt zum Thema: „Zum 30. Todestag von Amadeu Antonio wünsche ich mir…“ (Link zu youtube). Ein facebook und Instagram Auftritt, weitere Workshops und Aktionen sind in Arbeit.

„Bürger*innen-Asyl Barnim“
Die Bürger*innen-Asyl-Kampagne hat sich verstetigt, mit mehreren Lokalgruppen und schon etwas mehr Orten, an denen Abschiebebedrohte gastfreundlich aufgenommen werden. Wir freuen uns über weitere Zimmerangebote – bitte nehmt (zum Schutz der Abschiebebedrohten vertraulich!) Kontakt zu uns auf!

Was aus den unterstützten Menschen geworden ist
Im letzten Jahr konnten wir, vor allem mit dem Bürger*innen-Asyl, mindestens 23 Menschen helfen ihre Abschiebung zu verhindern. Bei den meisten wird nun überhaupt erst ihr Asylantrag in Deutschland bearbeitet und sie warten und hoffen auf eine positive Entscheidung des BAMF. Das Warten darauf ist zermürbend. Eine Bearbeitung der Traumatisierungen, die viele erlebt haben, ist kaum möglich, solange die Zukunftsperspektive so unsicher ist. Aktuelle Zahlen belegen, dass weiterhin die Entscheidungen des BAMF sehr oft falsch sind. 59,1 % der Klagen von Afghan*innen hatten 2020 gegen negative BAMF-Entscheidungen Erfolg. Die Klage, die sich jahrelang hinzieht, weil die Gerichte völlig überlastet sind, ist eine weitere zermürbende Zeit der Unsicherheit.

Einige der ehemals Unterstützten haben sich dem Bürger*innen-Asyl oder der Gruppe „Barnim für alle“ angeschlossen. Regelmäßig bangen wir mit den Freund*innen um ihren Aufenthalt. Allein in der letzten Woche hat einer der Aktiven eine Anerkennung bekommen und einer eine Ablehnung – ein Auf und Ab der Gefühle. Ein älterer Mann, der im letzten Jahr im Bürger*innen-Asyl war, hat sich im Sommer entschieden, freiwillig in sein Land zurückzukehren – trotz der Ängste vor Verfolgung und Bedrohung, weil er hier – im immer nur warten und nichts machen dürfen – keine Perspektive mehr sah. Was für eine schwierige Entscheidung! Wir haben mit ihm gebangt, zum Glück ist er sicher angekommen – als Atheist in einem streng muslimischen Land versucht er nun, möglichst wenig aufzufallen.
Auch jenseits vom Aufenthalt gibt es viele weitere Probleme: Der Alltagsrassismus im Barnim lässt viele davon träumen, wegzuziehen. Wohnungen sind fast unmöglich zu finden – der Mangel an Sozialwohnungen ist ein politisches Problem. Unsere Forderung an Landkreis und Kommunen: Bezahlbare Wohnungen zur Verfügung stellen/bauen – für alle!

Was wir mit euren Spenden gemacht haben
2020 haben wir im Durchschnitt nur etwa 250 Euro pro Monat Dauerspenden erhalten (Das waren schon mal mehr!). Dazu kamen erfreulich viele einmalige Spenden. Unter anderem haben wir einmalig eine Förderung aus dem Fonds Zivilcourage, der zivilen Ungehorsam unterstützt, für unsere Kampagne gegen Abschiebungen erhalten.
Mit dem Geld konnten wir von Abschiebung bedrohte Menschen unterbringen (Mieten) und diejenigen, die keine staatlichen Leistungen erhalten, mit Geld zum Leben, für Anwält*innen, Fahrten, Gesundheitskosten, u.a. unterstützen. Mindestens 25 Personen haben im letzten Jahr auf eine dieser Weisen Hilfe von uns bekommen, im Durchschnitt geben wir 1000-1500 Euro pro Monat dafür aus. Langfristig sind wir auf eine Erhöhung der Spenden angewiesen und freuen uns besonders über Daueraufträge. Jede Spende hilft – ob klein oder groß, regelmäßig oder einmalig!

Barnim für alle Netzwerk

Termine, Veranstaltungen:
refugeeswelcomebarnim.blogsport.de/
Kontakt: refugees-welcome @ so36.net

Bürger*innen-Asyl Barnim:
www.b-asyl-barnim.de
info @ b-asyl-barnim.det

Spendenkonto:
IBAN: DE78 1705 2000 1110 0262 22
Sparkasse Barnim
Konto-Inhaber: Barnim für alle

Wir können für dieses Konto keine Spendenbescheinigungen ausstellen.
Wenn ihr nur mit Spendenbescheinigung spenden wollt, kontaktiert uns bitte vorher.


2 Antworten auf „„Barnim für alle!“- Rückblick auf das Jahr 2020“


  1. 1 Anne 08. Januar 2021 um 13:34 Uhr

    Hallo,
    ich bin beeindruckt von eurer solidarischen schönen Arbeit! So ermutigend, was ihr hinbekommen habt (Büger*innen Asyl) – und mitzubekommen, dass auch im Kleinen viel möglich ist! Es ist wichtig das zu dokumentieren und zu erzählen: Vielen Dank! Wünsche euch weiter viel Power und Mut – auch bei den Durststrecken dazwischen!
    Solidarische Grüße aus Bremen, Anne

  2. 2 Uta Liebau 08. Januar 2021 um 16:41 Uhr

    Ich bin begeistert, dass so viel junge Menschen in „Barnim für alle“ mit arbeiten. Das ist hoffnungsvoll für uns. Denn wir sind in unserem Verein „Leben in der Fremde“e.V.,der seit 35 Jahren existiert mittlerweile alle Rentner. Aber wir schaffen es auch noch Abschiebungen zu verhindern und Geflüchtete in die Eigenständigkeit zu bringen allen Widerständen von Seiten der Ausländerbehörde und einigen Politikern zum Trotz. Weil es „Barnim für alle“ gibt, behält die Region und damit ganz Deutschland sein mitmenschliches Gesicht. Die Unmenschlichkeit deutscher Flüchtlingspolitik darf nicht siegen! Bleiben wir also ob Jung oder Alt weiterhin kritisch,mutig und engagiert.

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